Szene aus dem neuen Roman: Aus dem Schatten - Kerstin Rachfahl Romantik und mehr ...

Szene aus dem neuen Roman: Aus dem Schatten

Stefanie

Stefanie

Heute gibt es mal einen Auszug aus meinem neuen Roman: Aus dem Schatten. Er steht in den Startlöchern. Meine Newsletter Abonnenten erfahren morgen, wann er erscheint. Im nächsten Newsletter, wenn das gedruckt Buch vorliegt, gibt es dann eine Verlosung.

Bevor Anderson zu ihr kam, schloss er die Tür. »Okay, was genau schwebt Ihnen vor?«
»Bitte?« Verwirrt sah sie ihn an.
»Wie wollen Sie das Projekt angehen? Was sind Ihre Vorstellungen.«
»Sie meinen, wenn wir es durchführen?«
Er machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand. Ein Mann der Fakten, der keine Zeit mit Herumlabern verschwendete.
»Wie ich bereits gestern sagte, würde ich gerne mit einer technikaffinen Testgruppe starten. Vorzugsweise lerne ich die Aufgabengebiete am Arbeitsplatz kennen. So bekomme ich ein Gefühl für die Prozesse und kann einschätzen, wie sich diese durch Office 365 effizienter gestalten lassen. Grundsätzlich müssen wir die Schnittstellen analysieren, prüfen, wie sich die Nutzung der Bandbreite ins Internet durch den Einsatz der Lösung verändert und uns anschauen, ob die Unternehmensregeln, die unter Garantie existieren, sich damit abbilden lassen.«
»Eine Woche?«
»Ja.«
»Nur für die Entscheidung?«
»Ja. Die Kosten sind höher, wenn sich bei einer Einführung herausstellt, dass die Lösung nicht …«
Mit einer knappen Handbewegung schnitt er ihr das Wort ab. Verärgert runzelte sie die Stirn, trank einen Schluck Wasser und presste die Lippen zusammen.
»Ihr Dienstleistungssatz von 7.500 Euro netto für eine Woche Beratung ist alles andere als ein Pappenstiel.«
Er lehnte sich nach vorn, legte die Arme auf den Tisch und faltete die Hände, während er ihr direkt in die Augen sah. Den Oberkörper gestrafft erwiderte sie den Blick.
»Ich denke, Sie können uns in Anbetracht ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen einen besseren Preis anbieten.«
Sie schob das Kinn vor und fixierte ihn. Daher wehte der Wind. Wer hatte es ihm gesteckt? Luke oder Mathilda?
»3.750 Euro«, bot er an.
Die Hälfte der zuvor genannten Summe. Sie zog die Lippen auseinander. »Wieso unterstützen Sie das Projekt, wenn Sie es in Wirklichkeit überhaupt nicht wollen?«
»Ich habe mich dafür ausgesprochen.«
»Mag sein, aber Sie handeln anders.«
»Also geben Sie uns keinen Rabatt?«
»Wie kommen Sie auf 7.500 Euro in der Woche?«, hakte sie nach.
»Das steht auf Ihrer Webseite. 1.500 Euro am Tag inklusive aller Reisekosten. Da Sie diesmal in Hamburg arbeiten, entfallen diese Kosten.«
»Hätten Sie weitergelesen, hätten Sie festgestellt, dass bei einem mehrtägigen Engagement der Preis auf 1.200 Euro sinkt, und es ist eine Mischkalkulation. Jeder Kunde bezahlt dasselbe.«
»4.000 Euro.«
Sie beugte sich vor, faltete die Hände auf dem Tisch, betrachtete dabei ihre gepflegten Fingernägel. »Jeder Kunde bezahlt dasselbe«, wiederholte sie ungerührt und hob den Kopf. Sein Gesichtsausdruck war eine unlesbare Maske. Sie nickte zur Bestätigung, trank das Glas leer und stand auf.
Er lehnte sich im Stuhl zurück und zog die Augenbrauen hoch. »Was haben Sie vor?«
»Wonach sieht es aus?«
»Sie gehen?«
»Wow, Sie sind ein Schnellmerker.«
»Springen Sie mit allen Ihren Kunden so um?«
»Nein, nur mit denen, die mir nicht passen.«
»Sie wollen das Projekt ausschlagen?«
»Erfasst. Es ist sinnlos, etwas anzufangen, was von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.«
»Und was sagen Sie Ihrem Vater?«
»Dass ich bezweifle, dass sein Unternehmen so weit ist, in die Cloud zu gehen.«
»Sie bekommen den Auftrag.«
»Kein Interesse mehr.«
Er stand auf, schob den Stuhl zurück, ging auf sie zu und blieb zwischen ihr und der Tür stehen.
»Hören Sie auf, albern zu sein. Es ist garantiert nicht das erste Mal, dass ein Kunde mit Ihnen über den Preis verhandelt. Sie haben Ihre Position deutlich gemacht. 6.000 Euro die Woche und keinen Cent mehr.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Erklären Sie mir wieso?«
Ein amüsiertes Grinsen huschte über sein Gesicht. »Wieso ich auf den Preis eingehe?«
»Nein, dieses Ganze. Sie stehen der Lösung kritisch gegenüber, sprechen sich dann aber dafür aus. Sie bekommen die Kosten aufgedrückt, ärgern sich darüber, dass mein Vater mich vor Ihnen informiert, lassen mich antanzen – und wozu?«
»Um mit Ihnen die Rahmenbedingungen und den ersten Aufwand abzuschätzen?«
Sie fixierte ihn mit zusammengekniffenen Augen. Er grinste sie weiterhin an, was sie maßlos ärgerte.
In einer defensiven Geste hob er die Hand. »Versetzen Sie sich in meine Lage. Office 365 steht nicht das erste Mal auf unserer Agenda. Bisher hat nur Mathilda darauf gedrängt, dass wir einen Test fahren, vor allem mit Sharepoint. Dann tauchen Sie wie aus dem Nichts auf und plötzlich steht Martin mit Volldampf hinter der Lösung, möchte sie am liebsten gestern statt heute einführen. Wieso? Brauchen Sie Geld?«
Empört holte sie Luft, merkte, wie ihr die Zornesröte ins Gesicht schoss.
Das Grinsen verschwand. Aufmerksam musterte er sie.
»Vielleicht hätten Sie im Vorfeld eine Backgroundrecherche anstellen sollen, dann wüssten Sie, dass meine finanzielle Situation völlig in Ordnung ist. Mein Vater kam auf mich zu, und der einzige Grund, weshalb ich hier stehe, ist, dass er mich darum gebeten hat.«
»Ich habe einen Backgroundcheck durchgeführt und mit zweien ihrer Referenzkunden Kontakt aufgenommen. Nur deshalb bin ich überhaupt bereit, mit Ihnen zu verhandeln.«
Sie schnappte nach Luft. »Sie haben was?«
»Wissen Sie, wie viele Mitarbeiter das Unternehmen Ihres Vaters hat?«
»Keine Ahnung. Welche Rolle spielt das jetzt?«
»1.463 weltweit, 627 in Deutschland. Davon arbeiten knapp 50 Prozent seit 10 Jahren bei dem Unternehmen, 14 Prozent seit 15 Jahren, 16 Prozent seit 20 Jahren, 8 Prozent seit 25 Jahren und 2 Prozent seit 30 Jahren. Wissen Sie, wie selten so eine Mitarbeiterstruktur ist?«
»Nein, denn mit so etwas beschäftige ich mich nicht.«
»Das sollten Sie, denn es ist das Unternehmen Ihres Vaters. Auch wenn Sie das uneheliche Kind von Martin Lindemann sind.«
»Ja, genau. Die Firma meines Vaters und der Familie meines Vaters. Ja, ich bin das uneheliche Kind aus einer Affäre, die mein Vater hatte, während seine Frau mit einer Vierjährigen und einem Neugeborenen zu Hause hockte! Ich mag Martin, aber das heißt noch lange nicht, dass es mir gefällt, dass er seine Frau mit meiner Mutter betrogen hat!«
»Soll das heißen, Sie hegen keinerlei Ambitionen, die Firma zu übernehmen?«
Aha. Da lag der Hase im Pfeffer. Sie wusste genau, wer seine Informationsquelle war. Noch nie hatte sie sich vor jemandem so gehen lassen. »Nicht im Geringsten! Egal, was Luke behauptet oder wer auch immer. Weder bin ich an Aegir interessiert noch an dem Geld der Familie. Genauso wenig verspüre ich irgendwelche Rachegelüste oder möchte das Unternehmen ruinieren. Ich weiß, wo mein Platz ist!«
Unbewusst hatte sie die Fäuste geballt, und ihm die letzten Worte entgegengeschleudert. Innerlich kämpfte sie dagegen an, dem Mann vor sich eine runterzuhauen, weil ihn ihr Privatleben einen Scheißdreck anging. Gern wäre sie aus dem Büro gestürzt, nur leider stand er ihr im Weg und machte keine Anstalten, diesen freizugeben. Stattdessen betrachtete er sie mit gerunzelter Stirn.
»Atmen Sie.«
»Bitte?«
»Sie halten die Luft an.«
»Ja, damit ich nicht platze!«
»Ihr Vater vertraut auf Ihre Fähigkeiten. Mir ist es wichtig, dass Ihnen die Verantwortung bewusst ist, die Sie mit der Akzeptanz für das Projekt tragen. Sie sind bereits jetzt ein Gesprächsthema in der Gerüchteküche und jeder weiß, dass Sie sein uneheliches Kind sind.«
»Ich frage mich, woher?«
Er grinste sie frech an. Seine Fähigkeit, die Ruhe zu bewahren, fasziniert sie. Sonst war sie immer diejenige, die eine klaren Kopf behielt, angespannte Situationen wieder auf eine sachliche, konstruktive Ebene zurückführte. Ihr eigenes Verhalten reflektierend fragte sie sich, weshalb er sie so aus der Fassung brachte, und fand keine Antwort darauf.
»Also, da wir nun alles geklärt hätten – wann fangen Sie an?«
»Pah!«
Sachliche Ebene!, mahnte sie sich und atmete tief durch. »Aus all den von Ihnen genannten Gründen glaube ich, dass es besser ist, wenn jemand anderes das Projekt übernimmt.«
»Wenn Sie es nicht machen, macht es keiner. In Anbetracht Ihres Rufes bin ich davon überzeugt, dass Sie in der Lage sind, mit der Situation umzugehen, jetzt, wo Sie wissen, was alles mit hineinspielt.«
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete sie ihn. Er stellte sie vor ein Rätsel. Sie besaß eine ausgeprägte Empathie und eine hohe soziale Intelligenz, was es ihr leicht machte, Absichten und Bedürfnisse von Menschen zu verstehen und entsprechend zu handeln. Warum misslang es ihr bei ihm?
»Okay, ich fange am Montag an. Sie stellen eine Gruppe von Leuten zusammen, ich gestalte einen Workshoptag zum Einstieg. Für jeden Teilnehmer brauche ich einen Rechner mit Internetzugang. Ein Tag, an dem ich mir die Arbeitsweise anschaue, zwei Tage, an denen sie mit Office 365 spielen können. Der letzte Tag ist für die Feedbackrunde, bei der Sie dabei sein sollten. Am Ende erhalten Sie von mir eine Dokumentation der Ergebnisse sowie meine Einschätzung, ob ein Wechsel auf Office 365 für Aegir sinnvoll ist.«
»Kann die Gruppe sich aus verschiedenen Abteilungen zusammensetzen?«
»Das sollte sie sogar. Ideal sind Personalwesen, Finanzwesen, Marketing, Design, Vertrieb und IT. Ich meine, die Produktion können wir außen vor lassen.«
»Wie viele Personen?«
»Maximal vierzehn.«
»Ist notiert. Was ist mit Luke bei der Feedbackrunde?«
»Ich freue mich, wenn er daran teilnimmt«, log sie, »gerne auch Martin und Mathilda.« Sie sah Anderson auffordernd an.
Er erwiderte ihren Blick amüsiert und trat zwei Schritte zur Seite.
»Danke.«
»Frau Mansfield, hätten Sie Lust, heute Abend mit mir essen zu gehen?«
»Nein!«
Sie rannte fast aus dem Büro, während hinter ihr sein Lachen erklang. Was bildete der Kerl sich eigentlich ein? Wieso nahm sie das Projekt überhaupt an? Wie hatte er es geschafft, sie so in eine Ecke zu manövrieren? Sie hasste das Gefühl, manipuliert worden zu sein.