Rohentwurf Duke 2: 1. Kapitel - Abendessen - Szene 1 - Kerstin Rachfahl Schriftstellerin

Rohentwurf Duke 2: 1. Kapitel – Abendessen – Szene 1

Red arabian horse runs gallop in dust arenaIn meinen Ohren klang es wie ein Stöhnen. Unwillkürlich spannte ich jeden Muskel in meinem Körper an. Ich spürte den Schweiß, der mir zwischen den Schulterblättern herabrann. Die nächste Kontraktion kam. Ich hielt die Luft an.
»Verflucht Vera, so bist du mir überhaupt keine Hilfe. Im Gegenteil. Willst du, dass sie mir die Arme bricht?«, schimpfte Dr. Brenner vor sich hin. Sein Gesicht war vor Anstrengung rot und auch ihm perlte der Schweiß von der Stirn. Sein eine Hand steckte bis zur Schulter in der Stute. Tamira fohlte zum ersten Mal und ausgerechnet bei ihr hatte das Fohlen nicht die normale Position eingenommen mit dem Kopf zuerst durch den Geburtskanal zu kommen. Ich sah, dass die Stute am Ende ihrer Kräfte war. Die Bilder aus meiner Vergangenheit krochen in meine Gedanken und es war die Erinnerung, die mir die so dringend notwendig Ruhe nahm, die die Stute brauchte, um die Geburt heile durchzustehen und Dr. Brenner, damit er seinen Job machen konnte, ohne dass ihn die Kontraktion den Arm brach. Ich wusste, welche Kräfte durch die Muskulatur im Geburtskanal auf einen einwirkten. Tief durchatmend verscheuchte ich meine Erinnerungen, konzentrierte mich ganz auf das hier und jetzt. Leise begann ich ein Lied zu summen. Nicht für das Pferd. Pferde kommunizieren als Fluchttiere nicht über Laute, sondern über den Körper. Für mich sang ich, weil es mich entspannte und beruhigte. Ich massierte sanft den Mähnenkamm von Tamira, kraulte sie hinter den Ohren. Ihre aufgebläht Nüstern, die Panik in ihren Augen, die sie immer wieder verdrehte, so dass das Weiß darin sichtbar wurde, riefe die Ängste aus der Vergangenheit wach. Ich wollte kein weiteres Pferd verlieren. Nicht in einem Alter von gerade mal acht Jahren.
Papa hockte neben Dr. Brenner und assistierte ihm. Er hatte schon viele Fohlen auf die Welt kommen sehen und auch bei mir waren es in all den Jahren, indem ich auf dem Hof aufgewachsen war unzählige gewesen. Nur zehn Fohlen hatten wir in all der Zeit verloren und drei Stuten. Doch jeder tot hatte seine Spuren hinterlassen. Die Natur forderte ihren Preis, trotz all der tierärztlichen Möglichkeiten, die die heutige Zeit bot. Papas Blick war konzentriert. Von uns allen war der der Gelassenste. Worüber ich froh war. Mit seinem Herzinfarkt vor knapp einem Jahr, hatte er mir einen Heidenschreck eingejagt und gleichzeitig war es der Beginn für einen neuen Lebensabschnitt geworden. Nach dem tödlichen Unfall von Flying High auf dem CHIO in Aachen, bei dem auch ich schwere Verletzungen davon getragen hatte, war ich von zu Hause aus geflüchtet. Sein Gesundheitszustand hatte mich zurückgeholt. Nach und nach wurde mir bewusst, wie unglücklich ich in meinem Leben war. Doch es war Henning zu verdanken, der mich bis zum Limit pushte, dass ich den Weg zurück in mein altes Leben zurückgefunden hatte. Er machte mir klar, dass Pferd ein Teil meines Lebens ist und wenn ich sie daraus ausschloß, mich selbst ausschloß.
»Es kommt«, flüsterte er.
Der Kopf von Tamira kam hoch, als eine neue Kontraktion ihren Leib erfasste und dann rutschte das Fohlen heraus. Eingehüllt in die Eihaut, die aufplatzte und ein feuchtes Fellknäul, mit vier unglaublich langen staksigen Beinen, zum Vorschein brachte. Fuchsfarben, so wie seine Mutter und auch nicht anders zu erwarten bei dem Vater. Das erste Fohlen von Duke, dass das Licht der Welt erblickte. Ich wischte mir die Tränen von der Wange. Am liebsten hätte ich vor Freude aufgeschrien, doch ich wollte Tamira damit nicht erschrecken. Die Stute schwang sich auf, schob die Vorderbeine nach vorne. Ich sprang zur Seite und auch Dr. Brenner und Papa, gaben ihr Raum. Sie brauchte einen Moment, dann stand sie. Schaum vor der Brust und ihr Gesicht genauso schweißgebadet wie unsere. Sie schüttelte sich einmal, dann wandte sie sich ihrem Fohlen zu. Schnupperte, prustete und stupste es an. Im Gegensatz zu seiner Mutter schob das Fohlen erst den Hintern in die Höhe. Es wankte, fiel hin, versuchte es erneut, diesmal zuerst mit den Vorderbeinen.
»Es ist eine Stute.« Dr. Brenner grinste über beide Ohren, während er sich den Gummihandschuh auszog. »Eine echte Kämpferin. Schau sie steht.«
Als hätten wir es nicht selbst gesehen. Doch auch wie wir liebte er diesen Moment, wenn ein neues Leben, seine ersten wackligen Schritte wagte. Fordernd stupste das kleine Wesen, die Flanke seiner Mutter an. Tamira folgte ihren Instinkten. Auch das war nicht immer der Fall. Wir lauschten dem schmatzenden Saugen.
»Dein erstes Fohlen auf deinem Hof, dass das Licht der Welt erblickt. Wie willst du es nennen?«
Papa legte den Arm um meine Schulter und ich lehnte mich an ihn. In diesem Augenblick war die Welt perfekt für mich und ich wusste, dass ich solche Moment sammeln musste, damit ich darauf zurückgreifen konnte, wenn ich es brauchte.
»Fortuna.«
»Du bist noch hier? Ich dachte, du würdest Henning zu seinem Essen begleiten.«
»Oh Scheiße«, ich schlug mir mit der Hand vor die Stirn, was Fortuna einen kleinen Satz machen ließ. »Das habe ich ja total vergessen.« Ich wandte mich zu Thomas um, der sich auf den Rand der Box stützte und tatsächlich eine verträumten Ausdruck im Gesicht hatte, während er das kleine Wesen betrachtete. »Wie viel Uhr ist es?«
Ein spöttisches Grinsen trat auf seine Lippen, als er mich ansah. »Acht Uhr.«
»Mist, verfluchter«, stöhnte ich ein zweites Mal. Selten bat mich Henning um etwas. Er wusste, wie sehr mich die Arbeit auf dem Hof in Anspruch nahm. Anstatt gemeinsame Zeit einzufordern, half er mir, so oft es seine Arbeit zuließ. Handwerklich war er genauso geschickt, wie Samson, den wir alle nur kurz Sam nannten, und die beiden verstanden sich auch gut. Ohne ihn wäre ich in den letzten Monaten mehr als einmal soweit gewesen alles hinzuschmeißen. Ich war froh, dass es ihn in meinem Leben gab. Und jetzt hatte er mich einmal gebeten ihn zu einem Abendessen mit seinen Geschäftspartnern zu begleiten. Alan Webster war mit seiner Frau aus Kanada nach Deutschland gereist und beide wollten mich gerne kennenlernen. Und was machte ich? Vergaß den Termin, mal wieder über die Pferde.
»Hat dir Henning nicht so ein geniales Handy zu Weihnachten geschenkt, wo du auch all deine Termine samt Erinnerungen einspeichern kannst?«
Stimmt. Hastig zog ich es aus der Tasche. Warum hatte es nicht geklingelt und warum hatte mich Henning nicht angerufen, um mich an den Termin zu erinnern, als ich nicht aufkreuzte. Das Display war schwarz. Ich drückte auf die Taste, doch es blieb schwarz.
»Es hilft, wenn du es ab und an auflädst.«
Wütend sah ich Thomas an. Auf seine dummen Sprüche konnte ich verzichten.
»Keine Sorge ich denke Therese, wird sich um deine verwaisten Henning bestens kümmern.«
Am liebsten wäre ich ihm an die Gurgel gesprungen. Therese Vanderbilt, eine weitere Geschäftspartnerin von Henning, war ein rotes Tuch für mich.
»Geh, verschwinde«, Papa gab mir einen Schubs. »Ich rufe Henning an und sag ihm, dass du kommst.«
»Aber was ist mit Fortuna …«
»Das bekomme ich mit Dr. Brenner schon alleine hin. Es ist schließlich nicht das erste Mal und keine Sorge, den Papierkram überlasse ich dir.«
Hastig drückte ich Papa einen Kuss auf die Wange, sah ein letztes Mal zu dem Fohlen, dass wieder mit wedelndem Schweif an den Zitzen seiner Mutter saugte. Dann rannte ich die Stallgasse herunter.
»Das bringt dir jetzt auch nichts mehr«, rief mir Thomas hinterher.