Kein E-Book ohne meinen Lektor

2011-07-12-Fotobanner-kerstinÜber den Begriff Lektor bin ich erst vor acht Jahren gestolpert, als ich mich mit dem Schreiben anfing. Als Leser ist mir weder der Lektor, noch der Übersetzter eines Buches jemals aufgefallen. Selbst der Autor einer Geschichte bleibt mir nicht immer im Gedächtnis. (Neulich musste ich sogar überlegen, wie die Autorin von “Harry Potter” heißt.) Autoren, die bei einem Verlag ihr Buch veröffentlichen, bekommen einen Lektor oder eine Lektorin, die das Buch in Form bringen. In diesem Fall kann man sich die Zusammenarbeit nicht auswählen. Das tolle als Indie (Independent) Autorin ist, dass ich mich selbst auf die Suche nach einem Lektor machen konnte und meine Wahl fiel auf Werner Irro.

Als Leser ist einem gar nicht bewusst, welche wichtige Aufgabe ein Lektor hat. Er schaut sich den Plot an, die Charaktere, deckt Unstimmigkeiten im Handlungsablauf auf, betrachtet die Psychologie der Protagonisten, prüft die Dramaturgie, genauso wie die Konflikte und hinterfragt grundsätzlich alles. Aber das ist nur ein Teil seiner Aufgabe.

Eine weiterer Teil seiner Arbeit ist der Stil. Sätze werden umgestellt, Verben getauscht, die Geschichte wird gestrafft und poliert. Im letzten Durchgang findet dann die Prüfung von Rechtschreibung und Grammatik statt. Na, hätten Sie gedacht, dass ein Lektor so viel macht? Sie können sich also vorstellen, wie das ist, wenn sich Autor und Lektor nicht vertragen. Oder ihre Sichtweise auf Geschichten unterschiedlich ist. Jeder Lektor (natürlich auch Lektorin) hat seinen Schwerpunkt. Genre die er gerne bearbeitet, wo vielleicht sogar sein Fachwissen gefragt ist z.B. wenn ich über Office 365 in der Cloud schreibe, ist ein Informationstechnisch affiner Lektor von Vorteil.

Werner Irro habe ich bei einem Seminar “Von Beruf Autor” bei der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel kennengelernt. Zusammen mit Petra Hermanns, einer Literaturagentin, leitete er das Seminar. Als ich damals die Rückmeldung bekam, dass ich am Seminar teilnehmen kann, war ich voll stolz. Vorrausetzung für die Teilnahme war die Einreichung der ersten drei Kapitel eines Manuskriptes. Außerdem gab es nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen. Damals dachte ich, jetzt ist es nicht mehr weit, bis zu einem Verlag. Weit gefehlt. Dieses Seminar hat mir die Augen geöffnet, wie viel Arbeit hinter dem Beruf Autor steckt. Welche Risiken, natürlich auch Chancen ein Verlag mit einem neuen Autor eingeht. Die wirtschaftlichen Komponenten waren mir schnell klar, schließlich bin ich selbst seit 1995 Selbstständig. Wir erfuhren, wie der Markt strukturiert ist, die Anzahl der Neuerscheinungen von Bücher pro Jahr oder den durchschnittlichen Absatz. Wir erhielten Einblick in die Verdienstmöglichkeiten, rechtliche Aspekte und vieles mehr. Ein weiterer Bestandteil war die Analyse der eingereichten Manuskripte. Offen, ehrlich von den Seminarleitern, genauso wie von der Gruppe. Es gab tolle Manuskripte, meines gehörte nicht dazu Smiley und ich lernte viel. Ein Punkt der mir klar wurde, war die Wichtigkeit eines Lektorats oder die Aufgabe einer Literaturagentin.

Nachdem Seminar dachte ich, ach egal, mein Job in der IT macht mir Spaß, wir sind erfolgreich und durch unser Social Media Engagement, dem Aufbau unserer Blogs, konnte ich sowieso viel schreiben, nur halt keine Liebesgeschichten. Die verschwanden auf meiner Festplatte. Zu dem Zeitpunkt gab es zwei wichtig Männer in meinem Leben. Der erste mein Mann, der merkte wie sehr das Schreiben ein Teil von mir ist und mir den Rücken stärkte. Der zweite mein Freund und Autor aus dem Schreibstudium Mario M. Müller , der bereits zwei Roman in einem Verlag veröffentlicht hat. Je nachdem in welcher Stufe der Arbeit wir uns befinden, haben wir uns intensiv unterstützt und ausgetauscht, korrigiert und kritisiert. Für mich war er ganz wichtig, denn er besitzt eine sensible Art mir hartnäckig vor Augen zu führen, wie gerne ich schreibe und das es Szenen in meinen Geschichten gibt, die richtig gut sind. Außerdem schickt er mir schon mal Rechtschreibtrainingsbücher für die Klasse fünf bis acht, wenn er in einer Buchhandlung darauf stößt.

Irgendwann öffnete ich die Datei von meinem alten Manuskript, nahm meine Notizen von dem Seminar und meine Gesprächs Anmerkungen von der Zugfahrt mit Frau Hermanns. Ich schrieb das Manuskript um, wechselte die Erzählperspektive, dachte an meine Zielgruppe, die Menschen für die ich diese Geschichte schreiben wollte. Als ich dann durch war, gab ich es Mario zum Lesen. Nach seiner positiven Kritik, ging es dann an mehrere ausgewählte Testleser. Dort kam positive Kritik, negative Kritik oder gar keine Kritik zurück. Letztere von meiner ältesten Schwester und meinem Papa, die meine Gefühle nicht verletzten wollten. Sich als Autor der Kritik zu stellen, finde ich sowieso am schwersten und meistens ist es sogar das positive Feedback, mit dem ich so gar nicht zurechtkomme Smiley Ich fasste den Mut, nahm meine Verlagsanalysen der letzten vier Frankfurter Buchmessen heraus, so wie die Recherche aus dem Internet und schickte das Manuskript an den ersten Verlag. Nach drei Monaten Abstand an den zweiten Verlag. Auf dem Weg in den Skiurlaub, diskutierten mein Mann und ich über das Thema E-Books. Und er fragte mich, warum es mir so wichtig wäre, dass ein Verlag das Manuskript veröffentlicht. Ich sollte doch erst Mal schauen, ob ich Leser dafür fände. Als dann im Januar der nette Brief mit einer Absage von dem zweiten Verlag kam, dachte ich nach. Wieso sollte jemand Fremdes in meine Geschichte investieren, wenn ich es mich selbst nicht traute? Außerdem zweifelte ich inzwischen an meinem Buch. Ich brauchte eine fachmännische Meinung und da fiel mir wieder Herr Irro ein. Sein Schwerpunkt ist nicht die romantische Belleristik, aber er erklärte sich einverstanden, eine Analyse zu machen.

Ihm gefiel die Geschichte (den Freudentanz, nach dem Gespräch hat zum Glück nur mein Mann gesehen), als ich ihn dann fragte, ob er bereit wäre das Lektorat zu machen, bat er sich eine Bedenkzeit aus, bevor er sich entscheiden würde. Aber auch sein Ja, war nicht der Anfang unserer Zusammenarbeit. Erst als er die ersten Seiten lektorierte und wir beide ein Gefühl für unsere Zusammenarbeit bekamen, fiel die Entscheidung. In den nächsten Monaten habe ich erfahren, was ein guter Lektor alles leistet. Alles wurde auf den Kopf gestellt. Fachmännisches musste nochmal nach recherchiert werden. Ich führte wieder Gespräch mit unserer Tierärztin und unsere Hufpflegerin, tüfftelte mit ihr über den Ablauf des Unfalles von Flying High. Die erste Variante mit einem vernagelten Eisen, hätte das Pferd sofort zum Lahmen gebracht und für die Geschichte war es wichtig, dass sich Vera schuldig fühlte. Schauplätze mussten für die Dramaturgie weichen. Am Härtesten war die Stelle des Unfalls, wo ich ganz tief in die Gefühlswelt von Vera einsteigen musste, damit diese Szene für den Leser wirklich erfahrbar wurde. Drei Wochen machte ich verschiedene Übungen, denn ich konnte in diesem Fall auf keine eigenen Erfahrungen aufbauen. Zwar bin ich schon mal von einem Pferd gestürzt und habe mir den Oberarm gebrochen, doch bin ich in dieser Hinsicht eher ein pragmatischer Mensch. Mein Leben zieht in so einem Moment nicht an mir vorbei. Warum, wieso, weshalb, welche Rolle spielt diese Szene für die Geschichte. Wie ist das Verhältnis von Thomas und Henning, von Vera und Thomas, von Vera und Henning. Manchmal wusste ich nicht mehr, ob wir von lebenden Menschen sprachen oder von fiktionalen, so lebendige sind sie wieder um mich herum geworden.

Die schlimmste Arbeit bestand dann noch mal in der Prüfung von Grammatik und der Rechtschreibung. Manchmal verstehe ich auch nicht, warum ich für die Fehler so blind bin. Es reicht mir dann nicht, dass ich weiß, dass mein Gehirn und meine Wahrnehmung anders funktionieren. Und selbst Herrn Irro habe ich damit, glaube ich, an seine Grenzen gebracht. Es gab, kaum ein regelmäßiges Verb in der Vergangenheitsform in dem nicht das “e” fehlte. Beispiel “Vera begegnet Hennigs Blick.” statt “Vera begegnete Hennings Blick”. Oder das “n” für den Plural. Selbst der Duden-Korrektor hilft da interessanterweise nicht. Mein aktuelles Manuskript prüfe ich daher mit einer neuen Technik. Als Herr Irro schließlich fertig war, entschieden wir, dass wir nochmals einen neutralen Blick brauchten, denn inzwischen war er mit der Geschichte genauso verwachsen, wie ich. Hier kam meine Freundin Rossi ins Spiel. Sie ist echt begabt, was das Thema Rechtschreibung betrifft. Wenn sie vor mir sitzt und mir ganz selbstverständlich erklärt, dass kannst du doch hören, dann schaue ich sie immer nur verständnislos an. Ich höre kein kurzes oder langes “a”, kein kurzes oder langes “i”, ich kann das nur mühselig lernen. Und die “e” am Ende des Wortes, ergänzt mein Verstand ganz von selbst. Deshalb gehöre ich auch zu den schnell Lesern oder wie mein Mann immer sagt: “Du Bücher verschlingendes Monster”. Zum Glück habe ich inzwischen die eReader und unser Gepäck für den Urlaub ist leichter geworden.

Vielleicht bekommen meine Leser einen Eindruck, wie viel Arbeit hinter einem Buch steckt. Es gehört nicht nur viel Liebe und Geduld dazu eine Geschichte zu schreiben. Ein Autor braucht Mut sich mit seiner Geschichte dem Leser zu stellen. Hinter meinem Buch stehe ich mit meinem Namen. Deshalb ist mir die Qualität meiner Arbeit auch so wichtig. Ohne meinen Lektor hätte ich das so nicht leisten können. Andererseits kann ein Lektor auch keine Wunder vollbringen. Ich hoffe dass ich mit diesem kleinen Beitrag mal ein Licht auf den Lektor geworfen habe. Ein Mensch der immer im Schatten steht, genauso wie der Übersetzer eines Romans oder wissen Sie wer Harry Potter lektoriert und übersetzt hat? – Nein? Aber vielleicht schauen Sie jetzt mal rein und wenn Sie das Häufiger machen, werden sie feststellen, dass sie genauso viele Lieblingslektoren oder –übersetzer haben, wie Schriftsteller. Gerade wenn Sie häufig Bücher in Englisch lesen, werde Sie bei der deutschen Version, bald die Arbeit der Menschen im Hintergrund zu schätzen wissen.