Hannas Entscheidung: Die Seelsorge beim Militär - Kerstin Rachfahl Romantik und mehr ...

Hannas Entscheidung: Die Seelsorge beim Militär

US soldier Als ich das erste Buch über Hanna anfing zu schreiben, wusste ich nicht, wohin die Geschichte mich führt. Relativ früh war mir klar, dass der christliche Glaube eine Rolle spielt. Der Glaube sollte für Hanna ein Spannungsfeld sein. Einerseits findet sie in ihrem Glauben Kraft, ein traumatisches Erlebnis zu verkraften. Ihr Handeln in der Geschichte, ist von ihrem Glauben geprägt. Andererseits gehören auch die Zweifel zu ihr, weil sie nicht versteht, was Gott noch von ihr will. Ben hingegen macht mit dem Glauben schlechte Erfahrungen. Sowohl was sein Kindheitserlebnis betrifft, als auch bei seinem Einsatz in anderen Länder. So entstand ein weiteres Konfliktpotential zwischen den zwei Hauptprotagonisten. Bei meiner Recherche Arbeit stolperte ich dann über die Militärseelsorger. Etwas was mich völlig irritierte, da ich es mit dem 5. Gebot "Du sollst nicht töten.”, absolut nicht in Einklang brachte. Also fing ich an die Berichte zu lesen. Der erste Bericht “Gott ist auf einmal ganz nah” – von Julia Klingner im Gespräch mit Thomas Stephan hat mich sofort in den Bann gezogen. Julia Klingner fängt den Artikel mit einem unglaublich starken Bild an:

“Tränenüberströmt kniet er auf dem Boden – in seinen Armen ein lebloser Körper. Er kann nicht aufhören zu weinen, der Mann in grau-grüner Uniform. Immer wieder blickt er in die starren Augen des jungen Soldaten, hält seinen Leichnam fest umklammert.

Der Blick des toten Rekruten ging Oberstabsfeldwebel Dieter Heim, 48, nicht mehr aus dem Kopf. Wochenlang konnte er nicht schlafen, den Tod es ihm unterstellten Soldaten verkraftete er nicht. Erst ein Gespräch mit Thomas Stephan, 36, half ihm, sein Trauma zu überwinden. …”

Das habe ich sofort verstanden. Wer einmal einen Menschen auf so eine gewaltvolle Weise verliert, der weiß, dass einen das Zerstören kann. Meist ist es umkehrt, dass wir uns in so einem Fall vom Glauben abwenden. Warum hat Gott das zugelassen? Diese Frage nach dem “Warum” – stellen wir uns bei jedem Schicksalsschlag gerne. Auch wenn wir wissen, dass diese niemals beantwortet wird. Zu versuchen ein Schicksalsschlag mit dem Verstand zu begreifen, ist unweigerlich zum Scheitern verurteilt – so meine Einschätzung – die mich beständig in der Geschichte von Hanna begleitet hat. Wenn ich eine Geschichte schreibe, dann gleicht es für mich einem inneren Monolog, den ich mit mir selbst in Form der Protagonisten führe. Nur wenn ich beide Seiten verstehe, kann ich die Geschichte so erzählen, dass sie lebendig wirkt und nicht aufgesetzt.

Aber zurück zu den Militärseelsorgern. Ich stellte fest, dass die Militärseelsorge von Anfang an, ein wichtiger Bestandteil der Bundeswehr ist. Und nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern findet sich das wieder. Natürlich ist mir klar, dass die Soldaten und Soldatinnen in besondere Weise traumatischen Erlebnissen ausgesetzt sind, die sie psychisch belasten. Dazu zählt nicht nur der Tod von Kameraden, sondern auch die Gewalt, die sie in anderen Ländern sehen oder erleben müssen. Mit wem können sie sich darüber austauschen? Ihrem Freundeskreis? Ihren Familien? Wer nimmt die Herausforderungen, denen sie sich durch ihre Berufswahl gegenübersehen, überhaupt wahr? Ich denke in Deutschland, wo wir seit dem 2. Weltkrieg dem Militär sowieso tendenziell eher negativ gegenüber stehen, und in der Zeit des langen Friedens vielleicht auch gar kein Sinn darin sehen, ist es schwer mit anderen über den Beruf SoldatInnen zu sprechen. Die Männer und Frauen stehen mit ihren Erlebnissen alleine da, es sei denn sie finden den Mut zu einem Militärseelsorger zu gehen.

Das die Seelsorge der wichtigste Bestandteil einer christlichen Gemeinschaft ist, bestreite ich nicht, aber wie soll die Unterstützung funktionieren, wo doch der religiöse Glaube – Gewalt und das Töten ablehnt? In Deutschland haben wir noch eine besondere Struktur, denn der Militärseelsorger steht außerhalb der hierarchischen Struktur der Bundeswehr. Das bedeutet der Seelsorger untersteht komplett seiner Kirchen und muss auch keine Auskunft über die Diensttauglichkeit der SoldatInnen geben. Ein wichtiges Element dafür, dass sich die SoldatInnen dem Seelsorger mit ihren Problemen öffnen können. Ökumene gewinnt auch hier eine andere Bedeutung, denn der Militärseelsorger macht keinen Unterschied in den Konfessionen, wenn es überhaupt eine gibt. Mag sein, dass dies nicht für alle gilt, mich hat es in jedem Fall beeindruckt.

Auf welcher Basis funktioniert jetzt die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Bundeswehr, wenn ich die Seelsorge außen vorlasse und mich auf die unterschiedlichen Wertvorstellungen einlasse? Darüber gibt der Artikel “Die Ängste und Sorgen der Soldaten im Blick”- Auskunft, an dessen Ende ein Interview mit dem Militärbischof Franz-Josef Overbeck zu lesen ist. Übrigens wusste ich bis dato nicht, dass es einen Militärbischof überhaupt gibt. Die Kirche sieht die Aufgabe des Soldaten nicht im Töten, sondern sieht ihn stattdessen “…als Diener des Friedens und der Sicherheit der Völker.” Es geht um “…die Schaffung von Strukturen, in denen Menschenwürde und Menschenrechte gelten.” Ab dann wird es heikel, jedenfalls empfinde ich es so, denn bedeutet der Schutz dieser Rechte am Ende nicht, dass die Möglichkeit besteht Gewalt einsetzen zu müssen und andere deshalb zu töten? Erteilt mir die Kirche hier das Recht dazu? Oder geht es um eine Sünde, die ich auf mich lade und in einer Beichte ernsthaft bereue, so dass sie von meinen Schultern genommen wird?

Das Thema lässt mich nicht los. Auch bei meiner Recherche zu den Spezialkräften, die derzeit überwiegend aus dem englischsprachigen Raum gefüttert wird, treffe ich immer wieder auf den Glauben.

imageDas Bild stammt aus dem Artikel: “Die Ängste und Sorgen der Soldaten im Blick” – der Tarnanzug wird von der Bundeswehr gestellt ohne Rangabzeichen, dafür mit dem Kreuz. So fällt der Militärseelsorger unter das Kriegsvölkerrecht, sollte er in Gefangenschaft geraten. Eine Waffe trägt er nicht, nimmt aber an den Übungen teil, die seiner Sicherheit dienen. Genauso erhält er zur Begleitung einen Soldaten, der ihn beim Auslandeinsatz in den Krisengebieten schützt.

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