Gibt es das perfekte Buch?

Kennst du das Lied Perfect von Ed Sheeran? “You look perfect tonight.” So lauteten die letzten Takte in meinem Notenpart für das Klavier. Nach 25 Jahren Abstinenz, bekam ich letztes Jahr zu Weihnachten von meinem Mann ein Klavier geschenkt. Seitdem sitze ich fast täglich nach der Arbeit an den Tasten und versuche meinem Gehirn wieder das Notenlesen beizubringen.

Langsam komme ich voran. Das Klavierspielen am Ende eines langen Arbeitstages ist für mich der perfekte Abschluss. Ich kann abschalten und alles, was mich beschäftigt hat, hinter mir lassen. Ich liebe es den Liedern eine Interpretation zu geben, sie mit Seele und Gefühl zu spielen. Doch egal, wie sehr ich übe, irgendwann beim Spielen eines Stückes, kommt ein Gedanke und ich verspiele mich. Manchmal spiele ich ein Stück zehn Mal hintereinander. Ich übe die Passagen, die mir schwer fallen und denke jetzt habe ich es, doch nein, auch dann gibt es eine Unsicherheit, einen Patzer, auch wenn es nur ein kurzes Zögern ist. Es ist einfach nicht perfekt.

Perfekt durch regelmäßiges üben?

Heute beim Üben kam mir ein Gedanke. Kann ich überhaupt jemals ein Stück perfekt spielen? Oder ist es die Kunst beim Spielen einfach weiterzuspielen, so als wäre nichts passiert? Vielleicht bist du eine begnadete Klavierspielerin und sagst mir, natürlich kannst du nach genügend Übung ein Stück irgendwann fehlerfrei spielen. Deine Hände bekommen für das Stück ein Gedächtnis. Sie wissen, welche Note als nächstes kommt, schon ehe du die Noten siehst und im Gehirn den Befehl erteilst.

Das ist wie mit dem Autofahren, wo wir ja auch nicht über die einzelnen Handgriffe nachdenken. Beim Klavierspielen kann ich es nachvollziehen. Es gibt Lieder, die ins Fleisch und Blut übergehen. Eines meiner Lieblingsstücke, Für Elise von Beethoven, habe ich ganz hinten angestellt, weil ich selbst mit dem Spielen der simple gesetzten Liedern noch Probleme habe. Doch dann kramte ich die Noten hervor und fing an zu spielen und zu meiner Überraschung konnte ich die sich wiederholenden Sequenzen des Hauptthemas beinah ohne Übung frei spielen.

Die Angst nicht perfekt zu sein

Die Frage, die ich mir dann stellte ist, ob dasselbe für das Schreiben gilt. Letztes Jahr fing ich an die drei Bücher für die zweite Season der Sondereinheit Themis zu schreiben. Schon beim Schreiben von Band 4 fingen die Schwierigkeiten an. Der Anfang, die ersten zwanzigtausend Wörter, waren ruckzuck geschrieben, doch dann wurde es zäh. Ich verlor meinen Schreibrhythmus und fand jeden Tag ausreden, warum ich  meine Schreibpensum an diesem Tag nicht erreichen konnte. Die Buchhaltung für unsere Firma erforderte meine Aufmerksamkeit. Es gab viele Veranstaltungen und Kurse, die ich organisierte. Termine, die sich nicht verschieben ließen. Oder die zwei Projekte, das neue Design meiner Webseite oder die Produktion der drei Hörbücher von der ersten Season der Sondereinheit Themis. In Wahrheit steckte etwas ganz anderes dahinter.

Die Angst nicht perfekt zu sein. Die Angst ein Buch zu schreiben, dass die Erwartungen meiner Leserinnen nicht erfüllt, wie es mir bereits mit zwei Büchern passiert ist. Eine Reihe fortzuschreiben, die dich begeistert hat, um dann zu scheitern, ist schwerer zur verkraften, als ein einzelnes Buch. Als ich den Rohentwurf von Band 4 endlich fertig hatte, fand ich bei der Überarbeitung kein Ende. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich das Buch vermutlich nie veröffentlicht. Jetzt ist es draußen und heute dachte ich: “Es ist egal Kerstin, wie das Buch am Ende bei deinen Leserinnen ankommt. Du hast es geschrieben. Du liebst es und es ist deine Geschichte, wie du sie erzählen wolltest. Es gibt kein perfektes Buch, sondern nur eines, das dem einen gefällt und dem anderen nicht.”

Band 5 der Reihe: “Hinter Gitter” lief dann wieder besser. Ich konnte meine Motivation zu schreiben aufrecht erhalten und war erleichtert, als ich es veröffentlichen konnte. Überwiegend kam der Band gut an, doch es gab diesmal auch kritisches Feedback, das bei mir auf fruchtbaren Boden traf. Mit Band 6 war ich da bereits fast fertig und mir wurde klar, nein, so kann ich das Buch nicht veröffentlichen. Ich habe den Druck rausgenommen, mein Lektoratstermin auf ungewiss verschoben und fange es ganz von vorne an zu überarbeiten, nachdem dem Löschen der Hälfte aller Szenen. Eine ganz neue Erfahrung für mich von der ich weiß, dass sie mich in meiner Entwicklung als Schriftstellerin einen großen Schritt voranbringt.

Die Kunst als Schriftstellerin sich nicht zu verlieren besteht darin, weiterzuschreiben und weiterzuerzählen. Höhen zu genießen und Tiefen zu überstehen. Meine Einnahmen sind rückläufig und das hat viele Gründe. Ich habe aufgehört eine Verkaufsstatistik für meine einzelnen Bücher zu führen. Es kommt nicht darauf an, wieviel Geld ich mit einem Buch verdiene, um dann das Erfolgsrezept wieder und wieder zu kopieren. Mir ist es wichtiger den Zugang zu meinen Schaffensprozess zu erhalten. Bücher zu schreiben, weil ich den inneren Drang spüre, diese Geschichte mit der Welt zu teilen. Mit jedem Buch möchte ich besser werden, vielleicht auch etwas neues ausprobieren, um herauszufinden, was zu mir passt und was nicht.

“Perfect for me”

Der perfekte Tag für mich ist, wenn ich mich beim Schreiben in meinen Geschichten verliere. Wenn ich nichts mehr von der realen Welt mitbekommen. Wenn ich am Ende eines langen Schreibtages erschöpft meinen Laptop zuklappe und sich meine Gedanken bereits darum drehen, wie die Geschichte weitergehen könnte. Kein Buch, dass ich veröffentliche wird jemals perfekt sein. Mit jedem Buch lerne ich dazu.

Wie? Dein Buch ist eine Lizenz?

Vorneweg ich bin kein Anwalt für Lizenzrechte, dieser Blogpost spiegelt ganz allein meine Sicht wieder und die subjektive Interpretation des Vortrages, den ich letztes Jahr auf

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