Eine Frage der Perspektive - Kerstin Rachfahl Schriftstellerin

Eine Frage der Perspektive

kissGestern bekam ich von meiner Lektorin Sam & Emily zur letzten Überarbeitung zurück. Sobald ich mit meiner Arbeit fertig bin, geht er zurück zu ihr, danach zur Schlusskorrektur zu meiner neuen Korrektorin, um dann zum letzten Lesen vor der Veröffentlichung, wieder bei mir zu landen.

Diesmal ist meine Lektorin von der Geschichte nicht so begeistert. Wie ihr vielleicht schon wisst, ist es ja diesmal ein reiner Liebesroman in Form eines Kurzromans. Ich hingegen liebe diese Geschichte total, weshalb es mir schwer fällt, mit der durchaus berechtigten Kritik umzugehen. Doch es gibt Momente, wo ich als Autor einfach bei der ursprünglichen Geschichte bleiben muss, auch wenn ich damit vielleicht riskiere, dass auch euch die Geschichte nicht gefällt. Warum? Weil mein Herz daran hängt. Aber natürlich muss ich über Kritik ständig grübeln und so kam mir heute morgen der Gedanke, dass es vielleicht einfach eine Frage der Perspektive ist und zwar meine ich hier die Erzählperspektive.

Meine absolute Lieblingsperspektive ist die des personalen Erzählers. Dort wird aus der Sicht einer Figur die gesamte Geschichte erzählt. Im reinsten Sinne, bekommt der Leser nur mit, was diese Figur sieht, erlebt und denkt. In den meisten Büchern existiert heute jedoch eine wilde Mischform. Häufig wird aus den Perspektiven mehrerer Figuren erzählt und oft tritt zusätzlich der auktoriale Erzähler auf. Das ist derjenige, der alles weiß und sieht, sozusagen allmächtig ist. Ein Problem, was ich zum Beispiel bei Theona sehr häufig hatte, obwohl ich diese Perspektive eigentlich gar nicht mag. Doch zurück zu Sam & Emily.

Ich wählte bei der Geschichte die Perspektive von Sam und ändere sie kein einziges Mal. Das bedeutet ihr erlebt die Geschichte nur aus seiner männlichen Perspektive. Das ist ein gewisses Risiko, da ich ja kein Mann bin und damit möglicherweise in Klischees verfallen kann. Es gab für mich aber einen wichtigen Grund nie aus Emilys Perspektive zu erzählen – sie ist etwas absolut besonderes für mich. Ein Mensch den ich total bewundere und der mir zeigt, was für ein glückliches Leben ich habe. Ich kann riechen, schmecken, hören, sehen, tasten, laufen, atmen und alles machen, wonach mir der Sinn steht. Das ist etwas was wir als selbstverständlich nehmen und das ist ja im Grunde auch in Ordnung so. Es wäre furchtbar, wenn wir jeden Tag darüber nachdächten, was passiert, wenn wir nicht mehr alles können. Doch ich finde es wichtig sich ab und an daran zu erinnern dafür dankbar zu sein. Genauso können wir viel unternehmen, um uns genau diese Eigenständigkeit zu bewahren.

Sam ist ein Macho und das möchte ich auch gar nicht beschönigen. Eigentlich ein Typ, den ich so gar nicht leiden kann. Aus diesem Grund handelt er eben so wie er ist. Kann er sich vollkommen ändern? Nein, denn ich glaube nicht daran, dass wir von heute auf morgen ein anderer Mensch sein können. Es sind winzig kleine Schritte, die wir gehen, wo wir uns über unsere Schwächen bewusst werden und nachfolgend daran arbeiten. Emily erscheint in der Geschichte schwach, weil ich nicht sagen kann, warum sie etwas akzeptiert und was sie dazu bewegt, so zu handeln wie sie handelt. Als Autorin, weiß ich das natürlich und die Kunst besteht für mich darin, es euch aus seiner Sicht so darzustellen, dass ihr es erkennt.

In der Bewunderung von Sam, in den winzig kleinen Schritten, wie er sein Verhalten ändert oder über etwas nachdenkt, besteht für euch die einzige Chance Emily zu sehen. Doch dafür müsst ihr euch auch ein Stück aus seiner Perspektive lösen oder euch so in Sam reinversetzen, dass ihr es versteht.

Ich kann die Geschichte nur so erzählen, wie ich sie euch erzähle. Aber vielleicht kann ich für die nächste Geschichte daraus lernen. Deshalb ist mir euer Feedback so wichtig. Auch wenn es manchmal schwer ist, damit umzugehen und ich die Fehler machen muss, um aus ihnen zu lernen. Diesmal wird es mir also vermutlich noch schwerer als sonst fallen, die Geschichte für euch freizugeben. Aber auch das gehört dazu Autorin zu sein.