Buchrezension: The Witness von Nora Roberts - Kerstin Rachfahl Schriftstellerin

Buchrezension: The Witness von Nora Roberts

Rechte des Bildes liegen beim Verlag, Autorin...Korrekt müsste es eine Hörbuch-Rezension heißen. Seit Jahren haben wir ein Audible Abonnement und können somit jeden Monat zwei Hörbücher kostenlos herunterladen (den Vertrag gibt es glaube ich nicht mehr). Meistens sind es englische Fachbücher für die Erwachsenen, sowie eines dass meine Kids für ihre Interessen einsetzen. Letzten Monat hatte ich einfach mal keinen Lust auf ein Fachbuch. Ich suchte nach etwas seichten, unterhaltenden Stoff. Nora Roberts ist immer gut für eine nette Liebesgeschichte, die zwischendrin kippt und am Ende aber gut ausgeht. Mir gefällt es, wie sie die Figuren aufbaut, die Vielfältigkeit ihrer unterschiedlichen Charaktere, wobei das rundherum meistens nur Nebenschauplätze sind. Nicht so bei “The Witness”, dieses Buch hat mir wirklich überrascht und deshalb meine Rezension.

Inhalt

 

Elizabeth ist eine begabte, überdurchschnittlich Intelligente junge Frau. Sie ist das Ergebnis eines sorgefältig geplanten genetischen Projektes ihrer Mutter, die für ihr perfektes Leben auch ein perfektes Kind haben möchte. Leider funktioniert die Mutter-Kind Beziehung nicht wie gedacht. Als Elisabeth mit sechzehn Jahre das erste Mal rebelliert geht alles schief. Sie wird Zeugin eines Verbrechens und kommt in ein Zeugenschutzprogramm. Jahre später hat sich Elisabeth ihre eigene Welt in einem kleinen Ort geschaffen. Zwölf Jahre Flucht liegen hinter ihr. Sie hofft endlich ein Stück Frieden und Ruhe zu bekommen. Was sie wirklich verdient hätte. Doch sie weckt das Interesse des örtlichen Polizeiinspektors Brooks, nicht nur auf beruflicher Ebene. Ehe Elisabeth sich versieht gerät ihr sorgsam organisiertes, stilles Leben in neue Bahnen und die Vergangenheit holt sie ein…

Egoismus einer Mutter

Der erste Punkt über den ich sprechen möchte ist die Mutter der Protagonistin. Die ich zu Anfangs ziemlich künstlich, kreiert empfand. Eine Frau die völlig Egoistisch ist. Sie lebt ihr ihre Karriere als Ärztin aus, hält sich nebenbei einen Liebhaber und bekommt dann die Idee, sie müsste doch mal sehen was es mit dem Muttersein auf sich hat. Für die Zeugung des Kindes studiert sie die genetischen Dispositionen des Spenders genauestens, um das perfekte Kind zu erhalten. Bis auf das Aussehen von Elisabeth, das ihren Ansprüchen nicht genügt, klappt alles andere hervorragend. Elisabeth ist wohlerzogen, intelligent, isst nur das was der Leistungsfähigkeit ihres Körpers und Gehirns angemessen ist. Dafür hat die Mutter eigens eine Köchin angestellt. Die Mutter vergisst dabei völlig die emotionale Komponente, geht rein wissenschaftlich vor, Gefühle spielen keine Rolle. In dieser Welt wird Elisabeth groß. Sie versucht alles um die perfekte Tochter zu sein, damit ihre Mutter sie einmal liebt, einmal streichelt, sich einmal ihr als Mensch zuwendet. In diesem Setting bleibt Nora Roberts psychisch unglaublich konsequent. Die scharfe Intelligenz von Elisabeth ihr fotografisches Gedächtnis sind alles Eigenschaft, die sie als Außenseiterin abstempeln. Sie möchte nur einmal dazu gehören, einmal ein normaler Teenager sein.

Später lernt sie sich in dieser Außenseiterrolle zurechtzufinden, schafft ihre eigene kleine Welt in der sie sich wohl fühlt. Dabei nimmt sie fast schon autistische Züge an. Sie weiß das sie etwas Besonders ist und spielt dieses auf eine naive, nette Art gegenüber anderen Menschen aus. Ohne zu verstehen was sie aus sozialer Sicht dabei falsch macht. Am Ende faszinierte mich genau diese Vorstellung der Mutter und was sie aus ihrer Tochter macht. Die Grausamkeit, der emotionale Missbrauch der Tochter, der an das “Kasper Hauser” Experiment erinnert. Mir hat gefallen wie Konsequent sie in der Charakterisierung von Elisabeth bleibt. Ihre Unfähigkeit eigene Gefühle zu verstehen, zu entwickeln und zu akzeptieren. Zu Begreifen, dass es Menschen gibt, die sie mögen, denen sie etwas bedeutet, ja die sie lieben so wie sie ist. Nochmals dramatisiert wird das in der Anfangsphase, als sie Zeugin von dem Tod eines Mädchens wird, welches zum ersten Mal in ihrem Leben eine Art von Freundin ist.

Ein Mann zu gut um wahr zu sein *seufz*

In die männliche Hauptfigur habe ich mich Hals über Kopf verliebt und das geschieht ehrlich gesagt sehr selten. Meistens werden Männer in solchen Liebesromanen sehr stereotyp dargestellt. Wobei es mir bei Nora Roberts schon immer Gefallen hat, wie sie den männlichen Charakteren Tiefe gibt. Brooks ist nun in seiner Beharrlichkeit, der Geduld, dem Verständnis und seinem Humor eine ganz besondere Figur. Er ist im Grunde das völlig Gegenstück zu der Mutter von Elisabeth. Könnte Karriere machen will es aber nicht. Er liebt die Menschen, kennt ihre Schwächen, verurteilt sie aber nicht. So kann er auch Elisabeth in ihrer überlegenen Art akzeptieren. Ganz oft dachte ich bei Szene, mache jetzt bloß keinen Fehler Brooks, sie braucht dich, weiß es nur nicht. Sie kann nicht anders, weil sie es nie gelernt hat auf sozialer Ebene mit Menschen zu agieren. Und ich habe es Elisabeth so sehr gewünscht, dass sie endlich ihr Herz entdeckt. Sie ist so ein feiner Mensch, auf ihre verkorkste Art. Sie hat es einfach verdient ein Stück Glück und Liebe im Leben zu erfahren.

Ich fand auch die Konsequenz des Verbrechens sehr gut beschrieben. Die Ausweglosigkeit in der sich Elisabeth befindet und die Geduld von Illija auch über Jahre hinweg die Ehre der Familie zu schützen. Ja, auch der Antagonist hat seine Anziehungskraft auf eine erschreckende, brutale Weise.

Fazit

Weder habe ich Nora Roberts diesen Tiefgang zugetraut, noch das sie ein Verbrechen in dieser Konsequenz darstellt. Es war so erfrischend anders mal eine Mafia Geschichte aus einer ganz anderen Brille zu betrachten, als es die “normalen” Thriller Autoren so tun. Mir hat die menschlich Seite sehr tief berührt, was bei normalen Thrillern sehr häufig auf der Streckte bleibt, aufgrund der Spannung. Und obwohl Elisabeth ein so überlegener Mensch ist, so viel kann hat sie keine Chance gegen die Verbrecher. Ja Nora Roberts hätte noch mehr Dramatik reinbringen können, doch es war die Stille, die ich viel erschreckender fand. Wer mal eine andere Art von Thriller lesen möchte sollte das Buch testen. Bitte, es ist ein Liebesroman trotz aller Spannungselement, das nicht vergessen.

P.S. Ich habe das Buch in Englisch gehört. Sehr tolle Erzählerin, die auch die Männer sehr gut gesprochen hat. Wie die Übersetzung ist kann ich nicht sagen.