30. April 2014

Arte-Sendung: Amazon–schöne neue Bücherwelt

Als ich für meinen neuen Blogpost etwas recherchierte, stieß ich auf einen lang von mir ersehnten Beitrag, von dem Fernsehsender Arte. Über den Blog von Emily Bold wusste ich, dass diese im letzten Jahr begannen, mit ihr eine Dokumentation zu drehen. Weitere Autoren “Akteure” in dem Bericht: Amanda Hocking (amerikanische Autorin), Oliver Pötzsch (deutscher Autor),  Agnés Martin-Lugand (französische Autorin) und natürlich Emily Bold (deutsche Autorin). Ich las den Blogpost von Emily zu dem Fernsehbeitrag und den Artikel in der Frankfurter Rundschau. Danach musste ich es selber sehen. Alle Quellen habe ich unten verlinkt, wobei es Anfangs ein Problem gab den Bericht auf “Arte” zu sehen, da er auf der einen Seite nicht mehr zu sehen war. Aktuell funktioniert aber dieser Link.

Ich fand den Fernsehbericht sehr interessant und vielfältig. Gar nicht so einseitig, wie nach den gelesenen Kommentaren gedacht, abgesehen von der emotionalen “Evil” – Musik, wenn von Amazon die Rede war. Grundsätzlich sind die Punkte, die angesprochen werden, aber alle valide. Als jemand aus der IT Branche, der sich mit den Softwaretrends, amerikanischen Unternehmen, Sicherheitsdiskussion und mit den zukünftigen Visionen der Gesellschaft auseinandersetzt, habe ich vielleicht ein anderen Ausgangspunkt für diese Diskussion. Zuerst meine Meinung zu dem Bericht, bevor ich kurz über die einzelnen Autoren eine Zusammenfassung mache. Keine wortwörtlichen Zitate, sondern die hoffentlich korrekte, sinngemäße Wiedergabe von zwei Aussagen stelle ich voran.

Amazon (relativ am Anfang so um die zehn Minuten)

Wir lieben Bücher, wir lieben unsere Autoren. Jeden Morgen stehen wir auf und überlegen uns, wie wir unsere Autoren glücklich machen können.

Aus meinen Erfahrungen, als selbstpublizierende Autorin bei Amazon, kann ich diese Aussage nur voll unterstreichen. Niemand bietet es einfacher und selbst für technologisch unerfahrene Autoren machbarer an, sein Buch Online als eBook zu veröffentlichen. Ein Blogpost zu der gedruckten Variante, folgt. Eine sehr gute Hilfe, Community (wie wir es seit Jahrzehnten aus der IT kennen) und jede Menge Werkzeuge, werden angeboten. Ständig wird das Portal, die Informationen, Dashboards über Verkaufszahlen, Auszahlungen verbessert. Ziel, der Autor als Unternehmer trägt mit seinem Erfolg, zum Erfolg von Amazon bei. Ein völlig normales Geschäftsmodell, das letztlich vergleichbare Tendenzen aus dem Franchise bzw. Affiliate Programmen hat. Bei den Autoren geht Amazon kein Risiko ein, denn sie müssen sie weder aufbauen, noch individuell in den einzelnen investieren. ABER, und das wird unterschlagen in dem Beitrag, die Vorabinvestitionen sind enorm in die Werkzeuge und die Verkaufsplattform. Kein anderer hat darin soviel investiert wie Amazon. Wenn wir hier von Zahlen sprechen, wird nur der Umsatz erwähnt, aber nicht der Gewinn. Ich habe Aktien von Amazon und der Wert der Aktie steigt, weil die Investoren an das Modell glauben. Soweit ich es weiß, macht aber Amazon mit seinem Modell, derzeit keine oder keine nennenswerten Gewinne. Im Gegensatz zu deutschen Unternehmen, sind die amerikanischen Unternehmen manchmal genauso schnell vom Markt verschwunden, wie sie gekommen sind. Die Art, wie das unternehmerische Risiko getragen wird und damit das Agieren auf dem Markt ist konträr zu uns, doch eher nachhaltig orientierten Deutschen. Weshalb die technischen Innovationen eher aus der USA kommen, als aus Deutschland. Denn wer einmal in Deutschland pleite gegangen ist, weiß wie schwer es ist, sich aus so einer Verschuldung zu lösen. In der USA kann ein gescheiterter Unternehmer relativ zügig wieder auf einer grünen Wiese neu anfangen.

Peter Fritz (Literatur Agent aus Deutschland)

Ein neuer “Spieler” auf dem Markt, der nach den Wünschen der Konsumenten schaut und nicht nach der der Branche.

Genau! Und deshalb versucht Amazon den Konsumenten und den Autoren mit möglichst einfachen Methoden zusammenzubringen. Natürlich mit dem Hintergrund davon zu profitieren. Diese Anmerkung war für mich ein echtes “AHA”- Erlebnis, denn vielleicht ist genau hier der Denkfehler der Branche? Beim zu hören, Lesen und in Gesprächen auf Messen, habe ich immer ein Verständnisproblem mit der Buchbranche. Grundsätzlich haben die Verlage in Deutschland doch das gesamte “kreative” Potential in der Hand und ist das nicht das “Asset”, wie es Markanalysten formulieren würden? Oder einfacher ausgedrückt, es ist der Zugang zum Rohstoff, aus dem sich Gewinne schöpfen lassen. Doch statt diese Marktstellung zu nutzen, verkleiden sich Verlage als selbstlose Förderer des Kulturbuches. Oder auf historische Zeiten gemünzt, sie sind die Könige, Fürsten oder reichen Kaufleute, sogenannte Mäzen, die ihre Protegés finanzieren und sich mit deren Ruhm schmücken. Jetzt wirklich nicht böse gemeint, sondern positiv, denn ein solcher Protegé hat wirklich ein tolles Leben und es ist eine bereichernde Beziehung auf beiden Seiten. Aber die Gesellschaft hat sich geändert. Kultur ist nicht mehr etwas für eine spezielle Gesellschaftsschicht, selbst wir hier auf dem Land haben ein ganz tolles kulturelles Angebot und es gibt mehr Menschen, die das gerne wahrnehmen, als es vielleicht von gewissen Kreisen gewollt ist. Komplizierte Sachverhalte einfach und für jeden verständlich zu beschreiben ist etwas, was in der angloamerikanischen Literatur weit verbreitet ist. In meinem Studium, konnte ich daher Micro and Macroökonomics jedem BWL-Studenten, der sich mit dem “Wöhe” herumschlagen musste, leicht erklären. Was ist das Ziel der Verlagsbranche? Literatur einer breiten Masse zur Verfügung stellen? Denkansätze in Büchern liefern, die in leichten Geschichten verpackt sind? BÄH – würden jetzt so einig aus den Verlagen denken. Je komplizierte, deprimierender, schwer verständlicher die Geschichte, desto eher eine Nobelpreis trächtige, wertvolle Literatur. Richtig?

Bücher sind Business – Millionen Arbeitsplätze hängen davon ab. Mein erster Job war im Controlling eines Bücherversandhandels. Das erste Mal, dass ich die rosarote Brille ablegen musste, was Bücher und Kultur betrifft. Und die Art wie das Unternehmen später zum Spielball zwischen den Großen der Branche geworden ist: Bertelsmann, Holzbrinck Verlag und der damaligen Kirch-Gruppe – vielleicht wage ich mich irgendwann mal an diese Geschichte heran. Leider war ich damals noch zu jung und zu naiv, um das alles vollständig zu begreifen und zu dokumentieren. Tja in mir steckt halt kein Whistleblower wie Edward Snowden.

Aber nehmen wir diese Aussage mal hin, dass Bücher Business sind. Wir alle sind Akteure auf dem Markt. Wir alle haben unsere Träume und schon immer gab es schwarze Schafe in der Branche, die ihr Geld mit den Autoren verdienen, die ihre Träume verwirklichen wollen. Amazon ist für mich, als Selbstpublizierer ein kalkulierbares Risiko. Reintheoretisch braucht es nur meine Zeit für das Schreiben des Buches. Kein Vorinvestitionen finanzieller Art sind notwendig. Praktisch sieht es anders aus, wenn ein Autor erfolgreich sein möchte. Und genau hier finde ich die Beispiel toll gewählt und auch die Gründe wieso ein jeder sich bisher für seinen Weg entschieden hat. Denn so individuell wie die Lebenswege, sind die Autoren die dahinter stehen. Ein jeder hat seine Bedürfnisse und kann frei wählen welchen Weg er geht. Frei wählen? Ja, genau Freiheit für die Autoren, dass ist durch das Geschäftsmodell von Amazon entstanden. Ich bin durch keinen Vertrag gebunden, kann jederzeit meine eBooks vom Markt nehmen oder zu einem Verlag wechseln, sowie deren Plattform, sofern sie mir Zugang gewähren.

Kulturell ist die USA ein anderes Land und hier spielt die Entstehungsgeschichte eine wichtige Rolle. Die Gesellschaft ändert sich und das sehe ich jeden Tag, wenn ich meine Kinder betrachte oder in meiner Branche arbeite. Wann sind wir jemals in unsere Menschheitsgeschichte stehen geblieben?

Umgemünzt auf das betriebswirtschaftliche Dreiecksmodell, haben wir auf der eine Seite den Autor, auf der anderen den Verlag und zuletzt den Leser. Ihre Interessen gehen auseinander und doch ist ein jeder auf den anderen angewiesen.

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Kurze Zusammenfassung zu den Autoren:

Amanda Hocking

Erste eBook “Millionärin” in der USA d.h. sie hatte 1 Millionen Downloads ihrer eBooks bei Amazon. Sie publiziert inzwischen bei einem Verlag, weil sie sich ganz auf das Schreiben konzentrieren möchte. Erzählt von der Suchgefahr nach Verkaufs- und Rankingzahlen. Das kann ich bestätigen – ist ein ähnliches Gefühl, als wäre man der Pawlowsche Hund bei der klassischen Konditionierung – kein Witz – empfinde ich als echte Gefahr. Jeder kreative Mensch (oder überhaupt jeder Mensch?) hat Selbstzweifel und sucht Anerkennung. Die Macht Anerkennung zu geben und Menschen damit zu lenken, sollten wir nicht unterschätzen. Ich habe es so verstanden, dass es für die Autorin wichtig war, dass jemand sich um sie kümmert und sie sich auf ihre Geschichten und den gefilterten Kontakt mit ihren LeserInnen konzentrieren kann.

Oliver Pötzsch

Er bekam von seinem deutschen Verlag die Information, dass ein amerikanischer Verlag an seinen Büchern interessiert ist. Hier das ganz klassische Modell. Der amerikanische Verlag, auch wenn es so nicht ausdrücklich gesagt wird, gehört zu Amazon. Allerdings wird hier auch sichtbar, dass sich dieses, vielleicht Subunternehmen von Amazon, so verhält, wie jeder andere Verlag in der Branche. So mein Empfinden. Auch Autoren arbeiten unter Pseudonymen und wissen Sie welches Unternehmen sich hinter all den Marken in der Lebensmittelbranche verbirgt?

Agnés Martin-Lugand

Sie hat eine Art Schreibsucht entwickelt und hatte ein “schweres” Buch geschrieben. Das die Verlag sie abgelehnt haben, und sie noch einiges zu lernen hatte, war ihr von Anfang an klar. Sie entscheidet sich aber die Geschichte als eBook über Amazon zu veröffentlichen. Nach einem Austausch mit der Indie Szene in Frankreich, entschließt sie sich auch für ein professionelles Lektorat und bezahlt es aus eigener Tasche. Den Preis setzt sie niedrig an, weil sie sich nicht vergleichbar mit anderen AutorInnen fühlt. Ihr eBook wird gelesen und gekauft. Heute hat sie einen Verlag, von dem sie betreut wird. Seht ihr Verlage – hier liegt doch eure Stärke!

Emily Bold

Nach einigen Versuchen ca. zehn Verlage, fünf Agenturen, nutzt auch sie die Möglichkeit, die sich ihr in Deutschland im April 2011 bietet. Sie veröffentlicht ihr Buch selbst bei Amazon und landet in dem Jahr direkt unter den eBook Bestsellern von Amazon. Ein neues Projekt veröffentlicht sie zur Zeit mit dem Amazon Verlag und auch die englischen Übersetzungen hat sie abgegeben. Ihre eBooks sind ein Erfolg, sie hat eine feste Fangemeinde und kann von ihrem Erfolg leben.

Links zu den Quellen:

Amazon – Schöne neue Bücherwelt? Arte (Übrigens mit einer echt super tollen Infografik zu dem eBook Markt)

Storyseller – Dokumentation auf Arte (Blogpost von Emily zu dem Bericht)

Klar definierte Schurkenrolle TV-Kritik der Frankfurter Rundschau